Die karmische Landkarte des Lebens – Jeder beschreitet den Weg der Selbstverwirklichung mit seinem ganz persönlichen Karma, was sich in unterschiedlichen Voraussetzungen, Talenten und Fähigkeiten, aber auch anhand von Problemen, Anfälligkeiten und Sorgen zeigt. Jyotisha gibt Einblick in das Karma eines Menschen und erklärt den individuellen Weg mit seinen Chancen und Aufgaben. Ein Beitrag von Lisa K.
Die vedische Astronomie und Astrologie
Astronomie und Astrologie waren zu vedischen Zeiten integraler Bestandteil des täglichen Lebens. Kaum eine der alten Schriften verzichtet auf die Auflistung astronomischer Daten. Die Bezeichnungen von Himmelskörpern und Konstellationen tauchen in Indien bis heute in den Namen von Menschen und Plätzen auf.
Es gibt kaum ein Tempel, in dem nicht ein 9-Planeten-Yantra zu finden ist, und selten ein Ritual, in dem nicht die Gestirne gepriesen oder durch Bewegungen simuliert werden.
Die enge Verbindung der vedischen und indischen Kultur zeugt in der Astrologie von einem tiefen traditionellen Grundverständnis: Der Mensch wird als Teil einer größeren Ordnung verstanden. Dieser größeren Ordnung auf den Grund zu gehen, ist das Anliegen vieler verschiedener Disziplinen innerhalb der vedischen Traditionen.
Alle diese Disziplinen, sei es Ayurveda, Jyotisha, Vastu (Lebensraumgestaltung), Hasta Samudrika (Handlesen) oder andere, haben die Veden als Fundament.
Das Ziel der Selbsterkenntnis in den Veden
Der in unserem Sprachraum verwendete Begriff Veden leitet sich vom Sanskrit Wort “Veda” ab, was “Wissen” bedeutet. Dieses Wissen ist nicht irgendein Wissen, es ist tiefes Wissen. Wissen, das in seiner Tiefe nicht unbedingt logisch hergeleitet, sinnlich wahrgenommen oder schulisch vermittelt werden kann. Veda ist das Wissen, das auf DAS hinweist, was uns sonst verborgen bleibt und in Sanskrit als “adrishta”, nicht erkennbar, bezeichnet wird.

Die Verwendung vedischen Wissens hatte von jeher ein Ziel: die Selbsterkenntnis des Menschen. Um dieses Ziel zu erreichen, beschreibt die vedische Tradition verschiedene Wege, und einer dieser essenziellen Wege ist Yoga. Disziplinen wie Ayurveda, Jyotisha, Vastu und andere sollen diesen Weg unterstützen und erleichtern.
Sie alle verdeutlichen Zusammenhänge, die sich den Sehern alter Zeiten offenbarten. Ayurveda handelt von Gesetzmäßigkeiten, die den Körper und seine Gesundheit betreffen. Vastu handelt von Prinzipien und Regeln im Bereich der Lebensraumgestaltung. Jyotisha wiederum widmet sich den Gesetzmäßigkeiten, die den Verlauf unseres Lebens bestimmen, dem Karma.
Jyotisha, die Karma Philosophie
Karma bedeutet Handlung. Die Philosophie hinter dem Begriff beruht auf der Tatsache, dass jegliches Tun einen Effekt hat, sei er bewusst oder unbewusst verursacht. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es keinen Effekt ohne eine zugrundeliegende Ursache gibt.
Dieses Tun betrifft nicht nur unsere persönlichen Handlungen, sondern selbstverständlich auch die Handlungen der Menschen um uns herum. Auch die Natur agiert und beeinflusst unser Verhalten, sei es durch einen plötzlichen Regenschauer, einen schönen Sonnentag oder gar ein Erdbeben.
Was unsere eigenen Lebensaktivitäten betrifft, geschehen viele davon tatsächlich die meiste Zeit unbewusst, so zum Beispiel unsere Bewegungsmuster, Gesten und Mimik, der Herzschlag, die Atmung, die Verdauung und der Stoffwechsel. Dennoch verursacht auch jede dieser Aktivitäten einen Effekt. Sogar Gedanken, Gefühle, Vorstellungen und Emotionen sind als Aktivitäten zu verstehen, die Resultate bewirken. Das Zusammenspiel derart vieler verschiedener, womöglich auch zeitlich versetzter Faktoren, wird schnell sehr komplex.
Jede Begebenheit, jede Situation und jede Begegnung, die sich für uns persönlich ergibt, ist also die Summe unzähliger Effekte. Im Verständnis einer größeren Ordnung, der wir als Mensch angehören, ist auch unser eigenes Leben als ein Effekt zu verstehen, der mit unserer Geburt seinen Anfang nimmt und sich über den Verlauf unseres Lebens auswirkt.



Unser lineares, auf Logik basierendes Denken, wird allerdings bei dem Versuch, den Verlauf eines Menschenlebens oder auch nur den eines bestimmten Zeitraumes zu bestimmen, stets aufs Neue überfordert und enttäuscht.
Fragwürdige Partnerschaften überstehen turbulente Zeiten, während anfangs harmonische Partnerschaften an Kleinigkeiten zerbrechen. Intelligenten, fleißigen Menschen bleibt ein erfolgreicher Werdegang vorenthalten, während weniger Begabte die Karriereleiter nach oben purzeln. Trotz unvernünftiger Lebensweisen bleibt der eine gesund, während ein anderer stets auf Gesundheit Bedachter plötzlich mit Krankheit konfrontiert wird. Dem freien Willen sind offensichtlich Grenzen gesetzt, doch welche? Die Antwort der vedischen Tradition: Karma.
Jyotisha & Horoskope
In der vedischen Tradition ist es Aufgabe von Jyotisha, dem Menschen zu vermitteln, wann sich in welchem Lebensbereich Erfolge oder Probleme ergeben werden. Wozu? Damit der Mensch sich darauf einstellen kann und in einer Weise agiert, die erwünschte Effekte generiert.
So wie eine Landkarte uns Orientierung verschafft, indem sie uns die Höhen und Tiefen einer Landschaft aufzeigt, uns auf Wegkreuzungen und Abzweigungen hinweist und uns einen Sinn für Entfernung und Zeit vermittelt, genauso dienen die Horoskope, die in Jyotisha verwendet werden. Manchmal wird nur die grobe Richtung deutlich, manchmal erfolgt eine detaillierte Wegbeschreibung. Auch das ist Karma.
Jyotisha, wie die gesamte vedische Tradition, basiert auf dem Prinzip, dass wir Teil einer größeren Ordnung sind. Menschen, die diese Einstellung teilen, tun sich leichter mit der Vorstellung, dass bestimmte Aspekte ihres Lebens vorgezeichnet sind. Sie sehen die Einblicke, die Jyotisha gewährt, jederzeit als Chance, um ihren Lebenskurs abzustimmen und bei Bedarf zu korrigieren.

Jyotisha soll den freien Willen nicht verdrängen, sondern soll vielmehr helfen, ihn zu nutzen, um gute Entscheidungen zu treffen. Ob Entscheidungen gut und förderlich sind, steht in einem direkten Verhältnis zu unserem Wissensstand. Eine Partnerschaft, eine Karriere oder eine Investition lassen sich besser planen und verwirklichen, wenn die Erfolgs- und Problemphasen vorhersehbar sind.
Jyotisha hilft uns zu gestalten, indem es die Einflüsse, die auf uns zukommen, benennt. Jyotisha informiert uns nicht in einer Weise, die uns Verantwortung abnimmt oder uns in unserem Tatendrang lähmt. Vielmehr gibt es Hinweise dafür, wie wir unserer Aufgabe gerecht werden können, womit wir rechnen dürfen. Vorbereitet zu sein heißt besser agieren zu können. Nicht vorbereitet zu sein, heißt nur reagieren zu dürfen.
Jyotisha, das ganz eigene, persönliche Karma
Jyotisha nutzt astronomisches und astrologisches Wissen, um über den Tellerrand linearen Denkens hinauszuschauen und Geschehen in Raum und Zeit einordnen zu können. Bestimmte Himmelskörper und Sternbilder, Konstellationen sowie deren Bewegungszyklen und Beziehungen zueinander sind dabei die Instrumente.
So unendlich verschieden menschliches Karma ist, so verschieden sind auch die Variationen des Zusammenspiels der Himmelskörper. Das Firmament verändert sich laufend – diese Dynamik führt dazu, dass kein Horoskop dem anderen gleicht. Auf geniale Weise erkannten die Seher alter Zeiten jene Elemente am Himmel, die für die Bestimmung menschlichen Karmas von Bedeutung sind.
Das Geburtshoroskop ist quasi eine kosmische Momentaufnahme zum Zeitpunkt der Geburt und beinhaltet das Karma, das mit dem Eintritt ins Leben reif wird. Das Karma ist dabei dynamisch. Gewisse Dinge sind uns in die Wiege gelegt, während andere gestaltbar sind.
Mit zunehmendem Alter wird unser Erleben zu einer Mischung aus Geburtskarma und neu generiertem Karma. Das überlieferte Jyotisha-Wissen gibt uns die Möglichkeit, Horoskope wie karmische Landkarten zu benutzen, die uns jederzeit helfen können, unsere Stärken und Schwächen sowie unsere Aufgaben zu erkennen.
Die Kenntnis der persönlichen Landkarte ist Voraussetzung dafür, dass wir bewusst und willentlich in einer Weise handeln können, die mehr Punya (erstrebenswerte Effekte) als Papa (unangenehme Effekte) erzielen. Dies generieren wir über mehr Handlungen, die die Bedürfnisse unserer Umgebung berücksichtigen (zu denen wir letztlich auch unseren eigenen Körper und Geist zählen) statt moralisch und ethisch verwerflichen und rein eigennützigen Handlungen.

Der Autor
Raphael Mousa Raphael Mousa ist Yogalehrer, Yogatherapeut und Ayurveda Gesundheitsberater und schreibt seine Doktorarbeit über den Austausch von Yoga und Psychotherapie. Seine Faszination für Indien begann schon in der Kindheit und auf seinen vielen Reisen dorthin absolvierte er Yogaausbildungen in den Traditionen von Satyananda und Iyengar, Meditationsretreats, war in der Yoga-Klinik Arogyadham tätig und hat in zahlreichen Ashrams und heiligen Orten, wie im Himalaya, gelernt, gelebt und praktiziert.
Für seinen Bachelor in Ethnologie und Psychologie und seinen Master in Medizinanthropologie hat er in Nepal über Schamanismus geforscht. Für zwei Jahre war er als Sevaka bei Yoga Vidya Bad Meinberg in der Yogatherapie und der Ayurveda Oase tätig und hat dort yogatherapeutische Einzelsitzungen, Yogastunden, ayurvedische Konsultationen und Massagen und mehr durchgeführt.
Raphael hat zahlreiche Ausbildungen und Seminare absolviert u. a. in Ayurveda, (psychologischer) Yogatherapie, systemischem Coaching, Marmatherapie, Depressionsberatung, Klangtherapie, Tantra-, Kriya- und Kundalini-Yoga, Massage, Pranaheilung und Traumasensiblem Yoga.
Yoga ist der Weg, Jyotisha die Wegbeschreibung
Yoga lehrt uns den Weg zur Selbsterkenntnis und wie wir mit Hindernissen auf diesem Weg umgehen können. Durch unser persönliches Karma ist dieser Weg stets auch ein individueller Weg. Was sich für den einen Menschen als hinderlich zeigt, kann für einen anderen Menschen das Sprungbrett zum Erfolg sein.
Jyotisha weist uns auf die persönlichen Umstände hin, die unseren individuellen Weg begleiten, sodass wir die Yogalehren bestmöglich leben und anwenden können.
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